Erinnerungen an die Jugend

Hier in Attendorn bin ich gross geworden und erlebte eine wunderbare Kindheit und Jugend, die nur von dem jährlichen Urlaub auf der Nordseeinsel Juist überstrahlt wurde.
Die Seiten sind dem Andenken meines Vaters und allen Kindern dieser Welt, denen ich ein glückliches behütetes Zuhause wünsche, gewidmet.
Anfang der 60iger entdeckte ich die Liebe zur Musik. Es begann mit Searchers, Beatles und ähnlichem, aber ich entdeckte schnell, dass ich kein Geld für etwas ausgeben wollte, was mir nach dreimaligem Hören zum Hals heraus hing. Bei meinen Großeltern wurde ich fündig. Mozart Sinfonien und sein Klarinettenkonzert brachten mich auf den Weg. Von nun an war ich nach der Schule regelmäßiger Gast bei Radio Zeppenfeld um mich dort bei den Aussendienstlern nach den interessantesten Neuerscheinungen zu erkundigen.
Bei einer Anfrage in einem Olperner "Fachgeschäft" nach Bruckners 5ter wurde mir in Ermangelung einer solchen Einspielung Beethovens 5te empfohlen! Nachdem mich eine Aufnahme der Scarlatti-Sonaten eher an eine Nähmaschine als an Musik erinnerte war es sicher, ich brauchte eine halbwegs erträgliche Stereo-Anlage. So arbeitete ich während der Ferien in einer Armaturen- Fabrik, um mir diesen Wunsch erfüllen zu können. Kinderarbeit gab's doch nicht nur in Fernost.
Ich abonnierte das "Fono Forum" und der Entdeckungsreise durch die unglaublich vielschichtige Welt der Musik stand nichts mehr im Wege. Die Neuerscheinungen von Soltis Mahler-Einspielungen trug ich voller Erwartung nach Hause und legte sie mit zitternden Händen auf den Plattenteller. Bereits mit 14 gehörte Schostakowitsch zu meinen Lieblingskomponisten, daher hatte ich nie Schwierigkeiten mit zeitgenössischer Musik.
Englische Komponisten wie Elgar, Britten und Vaughan Williams brachte ich von Besuchen bei meiner Brieffreundin aus Whitley Bay mit, denn die waren zu der Zeit in Deutschland einfach nicht existent.
Die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich mich nicht mit Musik beschäftigte, war mein Aufenthalt im Landschulheim Schloss-Hagerhof in Bad Honnef. Gut, ich lernte Gitarre und klimperte mit Mitschülern die neuesten Hits, später spielte ich bei den "Yale Gate" aus Elspe. Ausserdem beendete der Hagerhof auf Dauer meine Segelfliegerei im Luftsportclub Attendorn, denn ich war nicht mehr an jedem Wochenende zu Hause.
Die Musikbeispiele auf diesen Seiten beschränken sich auf 1,5 Minuten, also habe ich versucht, die Ausschnitte so zu wählen, dass der musikalische Sinn nur geringen Schaden nimmt, was natürlich nur bedingt funktioniert, denn ein Gemälde zu zerschneiden, gehört sich auch nicht wirklich.
Dabei fällt mir ein, dass wir als Jugendliche damals vom Besitzer der Diskothek "Napoleon" eingeladen wurden "unsere" Musik einmal über eine "professionelle" Anlage hören zu können - wir hörten also Mahler, Bruckner und Stravinsky über eine Disko-Anlage, und es war klanglich mit die schlechteste Wiedergabe, die ich jemals in meinem Leben gehört habe. Der peinliche Versuch wurde nach einer Viertelstunde abgebrochen. Gegen diese lausige Darbietung ist eine MP3 Datei über eine Notebook Plärre ein wahres Vergnügen.
Ein Schlüsselerlebnis, welches mein ganzes Leben bestimmen sollte - der fast aussichtslose Kampf gegen akustische Umweltverschmutzung. Klanglich gesehen hat sich auf diesem Gebiet nichts ereignet. Wenn es heute zischende Knöpfe in den Ohren bahnfahrender Teenies sind, war es damals ein weit verbreitetes Gerät: Telefunken "Mr. Hit", eine ganz übele Plastik-Plattenkratzmaschine, die aus ihrem Deckellautsprecher jaulte, schepperte und quakte, dass es eine helle Freude war.
Und die Werbetexte waren genauso frei erfunden wie heute, weil scheinbar 90% aller Leute über Dinge "reden" von denen sie nichts verstehen. Nur blieben uns damals wenigstens die kaum zu ertragenden Moderatoren der TV-Werbesendungen erspart.
1970 bewarb ich mich in Köln in der Klassik-Abteilung eines damals angesagten Hauses. Die Stelle war leider seit einem Tag besetzt, und man bot mir einen Arbeitsplatz in der HiFi-Abteilung an. Ich glaubte damals, dass es hier auch in erster Linie um Musik ginge und nahm an - was sich allerdings im Laufe der Zeit als folgenschwerer Irrtum herausstellte. Wenn es heute in irgendeiner Szene nicht um Musik geht, dann steht das HiFi-Business an erster Stelle...
September 2006




